Von den Hebammen

Zwischen diesen miteinander um Einkommen und Ansehen konkurrierenden Gruppen standen die Hebammen. Rund Drittel der Ärztinnen waren zusätzlich auch als Hebammen tätig.
Viele Geburten wurden lediglich von den Matronen, also Frauen, die schon viele Kinder hatten und von denen man annahm, dass sie dadurch etwas gelernt hatten, assistiert. Die anderen waren jene Hebammen, die von ihren Verwandten, meistens der Mutter, lernten.

Die Lebenskraft, die “Grünkraft”, viriditas, war im Spätmittelalter ihre Farbe, aber auch in der Abbildung aus der Medicina Antiqua ist zu sehen, dass die Frau unter einem grünen Schleier gebärt und die Hebamme in grün gekleidet ist.

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Gebährende mit grünem Schleier, grün gekleidete Hebamme
(Medicina Antiqua, Anfang 13. Jahrhundert, Italien)

Die erste Erwähnung professioneller Geburtshilfe findet sich 1172 in der Legende von Wernher vom Tegernsee. Glückliche Geburten waren für die Frauen eine Gelegenheit, tagelang zu feiern. Der Mann war dabei für die Verpflegung zuständig.
Männern war im 13. Jahrhundert die Anwesenheit bei normalen Geburten verboten (in der Tat ist noch im 15. Jahrhundert in Hamburg ein Arzt gehängt worden, der versuchte, verkleidet dabei zu sein). Dass ein Priester auch nur in die Nähe einer gebärenden Frau kam, war undenkbar.

Die gesellschaftliche Stellung der Hebammen bot großes Macht- und Konfliktpotential im christlichen Abendland: Für erfolgreiche Dienste bei einflussreichen und reichen Familien konnten sie wertvolle Geschenke erhalten, die weit über ihrem Stand und ihren üblichen Mitteln lagen.

Die Taufe durch die Hebamme

Ungetaufte Kinder kamen in die Hölle. Diese Vorstellung war für mittelalterliche Eltern unerträglich. Also hat man über lange Zeiträume den Hebammen das Recht der Nottaufe einräumen müssen. 1233-1310 galt eine Verpflichtung sogar zur Taufe eines noch nicht völlig geborenen Kindes. Die wurde im Zweifelsfall mittels der Injektion von Weihwasser in die Scheide vorgenommen. Wenn möglich brachte man das Kind umgehend zur nächstgelegenen Taufkirche. Galt das Kind als unehelich umwickelte man es auf dem Weg zur Taufe mit einem dunklen Tuch.

Man stelle sich vor:
Das Heilige Sakrament der Taufe in der Hand einer grundsätzlich sündigen, durch die andauernde Nähe zu gebärenden (und deswegen unreinen Frauen) um ein vielfaches unreineren Frau – eine Katastrophe für die Kirche!

Die Hebamme war oftmals die einzige Zeugin, wenn bei einer Geburt Frau und/oder Kind umkamen. In Frankreich galt ein Kind als lebendig, sobald es den ersten Schrei getan hatte, auch wenn es danach für immer verstummte. Kamen die Mutter und ihr erstgeborenes Kind vor dem ersten Schrei ums Leben, musste der Vater die Mitgift an die Familie der Frau zurückerstatten.

Hebammen bei Gericht
Hebammen waren Zeuginnen vor Gericht. Wurde eine Verbrecherin in England zum Tode verurteilt und behauptete, sie sei schwanger, wurde sie von 12 Expertinnen (und gelegentlich 12 weiteren Personen, auch Rittern, die bisweilen gnädiger waren als die Expertinnen) befragt und begutachtet.
Dieses Prozedere wurde beschrieben als: per legales feminas diligenter faceret inquisicionem si esset pregnant nec ne“, kurz de ventre inspiciendo oder die Brustuntersuchung ad tractandum per uber et quando sit paritura.
Kam das Komitee zu dem Schluss, dass sie ein lebendes Kind trug, wurde die Hinrichtung aufgeschoben (oftmals auch völlig ausgesetzt), da das Recht des Kindes auf Leben höher angesehen wurde als das Verbrechen der Mutter.
Dies setzte jedoch eine fortgeschrittene Schwangerschaft mit deutlichen Lebenszeichen des Kindes voraus.

Auch hieraus resultierten Auseinandersetzungen, da bereits die eine vermutete Schwangerschaft bei Erbschaftsangelegenheiten dazu führen konnte, dass die Streitigkeit bis zur Geburt des Kindes auf Klärung warten musste und hier die Kinder rechtlich nicht gleich gestellt waren.

Die Hebammentätigkeit
Abgesehen von diesen formal juristischen Problemen stellt schon Sokrates, dessen Mutter Hebamme war, bei einem Vergleich fest, dass die Hebammen wussten, wer schwanger ist oder war, wie ein Kind im Leib erstickt wird, wie man die Geburt erleichtern oder die Schmerzen verschlimmern kann. Laut Sokrates konnten sie den Regelfluss wieder in Gange bringen oder übermäßigen Regelfluss mindern. Sie konnten Empfängnis verhindern oder begünstigen. Sie konnten tote Kinder abtreiben, den Milchfluss in Gang bringen oder eine Geburt einleiten.

In der Behandlung schwangerer Frauen wurden Tampons jeglicher Zusammensetzung verwendet, geräuchert, gespült, Sitz- und sonstige Bäder verordnet, Wurzeln, Blätter, Stiele, Rinde, Milch und diverse Körperbestandteile gerieben, pulverisiert, getrocknet, mit Fett, Wein, Milch, als Tee eingesetzt. Es wurden tatsächlich wirksame, nicht nur dem Aberglauben entstammende Medikamente verwendet. Bockshornkleesamen wurden zur Erweiterung der Geburtswege und zum Anregen des Milchflusses eingesetzt. Sie enthalten nachweislich Östrogene, die die gewünschten Effekte bewirken.

Ein entscheidender Streitpunkt war die Idee, bei Gebärenden Schmerzmittel einzusetzen. Die Geburtsschmerzen wurden beschönigend „das hübsche Übel“ genannt. Da in der Bibel steht, dass Frauen unter Schmerzen gebären sollen (obwohl sich das im Original verwandte Wort anscheinend ebenso gut mit „Anstrengung“ übersetzen ließe), wurden schmerzlindernde Medikamente erst ab dem 19. Jahrhundert flächendeckend eingesetzt.

In einem Werk der Trotula namens De mulierem passionibus ante, in et post partum wird beschrieben, dass bei Fehllage des Kindes ein Sud aus Hanfsamen und Kichererbsen anzufertigen und einzubringen sei, um das Kind zurückzuschieben und richtig zu positionieren.
Lässt sich eine Fehllage nicht beheben und verhindert die Geburt, so wird das Kind heute per Kaiserschnitt entbunden.

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Darstellung eines Kaiserschnitts an einer wahrscheinlich toten Frau
(Canon medicinae, 2. Hälfte 13. Jahrhundert)

Man sieht eindeutig, dass eine Frau den Eingriff vornimmt, beziehungsweise das Kind holt, wohingegen im Hintergrund ein Arzt zu sehen ist, der Anweisungen gibt.

Der Kaiserschnitt wird 1480 im Hebammenkodex von Württemberg als verpflichtend aufgeführt. Die Wunde wurde geschlossen mit einer Nadel und Seide, darüber kam ein Pflaster aus starkem Hanfstoff mit drei Eiern (Eiweiß ist klebrig).
Der Name „Kaiserschnitt“ leitet sich von der Lex regia her, dem königlichen Gesetz aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, in dem vorgeschrieben wurde, dass, kam eine schwangere Frau um den Zeitraum der Geburt herum zu Tode, versucht werden musste, das Kind lebendig aus dem Leib der Frau zu bergen.

Der Niedergang des Berufsstandes

Die Abwertung des Standes der Hebamme begann fast gleichzeitig mit der Etablierung und schriftlichen Niederlegung des Berufsbildes. Der soziale Abstieg der Hebammen und die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen der Frauen ging einher mit einer Abwertung der Sexualität.
Hildegard von Bingen beschreibt Mitte des 12. Jahrhunderts Sexualität als zum Urstand des Menschen gehörig, als genitura mystica. Mann und Frau seien füreinander in aller Ehrenhaftigkeit geschaffen.
Ganz anders hört sich das bei Thomas von Aquin (1227-1274) an: Dieser beschreibt beispielsweise die Libido als schädlich und unwürdig. Wenn auch zu Zeiten des Thomas von Aquin noch Autoren existierten, die die Auffassung der Hildegard teilten, so mehrte sich doch die Zahl der Verfasser, die den Frauen und jeglicher Form von Körperlichkeit kritisch gegenüber standen.

Ausdruck dessen wurde ebenfalls beispielsweise 1322 ein Prozess in Paris. Jacqueline Félicie d’Alemania wurde vor Gericht gestellt, weil sie nach Art der Ärzte erfolgreich Kranke behandelt hatte (die von anderen Ärzten aufgegeben worden waren). Ihre Patienten sagten vor Gericht für sie aus. Das Gericht akzeptierte jedoch keine Ausbildung durch mündliche Überlieferung („hearsay“) und ließ ihren Einwand nicht gelten, dass die meisten Frauen eher sterben als sich unter den Röcken von einem Mann behandeln zu lassen. Madame d’Alemania arbeitete auch als Hebamme. Letztendlich wurde sie exkommuniziert und ihr wurde eine schwere Geldstrafe auferlegt.

Zu Zeiten der Hexenverfolgung im Spätmittelalter und der beginnenden Neuzeit wurden die Hebammen besonders häufig Opfer.
Zeitgleich entstand das Berufsbild des männlichen Geburtshelfers. Diese zu engagieren galt als Zeichen von Liquidität. Auch Gebärstühle gab es nur für die Wohlhabenden, dafür allerdings seit der Antike. Spätmittelalterliche Hebammen hingegen entwickelten sich latent zu einer sozialen Randgruppe. Ihre Rechte wurden durch Stadtverordnungen geknebelt, so durften sie ohne das Einverständnis der Stadtväter die Städte nicht mehr verlassen und sie wurden rigoros überwacht. All dies wirkte sich sehr zu Ungunsten der Frauen aus, denn die Hebammen mussten bei schweren Geburten Ärzte hinzuziehen, die noch nicht einmal Erfahrungen mit normalen Geburten hatten.
Ausführende waren im 14 Jahrhundert in Gent die Barbiere. Kuh- und Schafhirten wurde im 16. Jahrhundert geburtshilfliches Eingreifen wiederholt untersagt. Denn in ihrer Verzweiflung mag sich manche Frau und Familie an die Hirten gewandt haben, die durch die Geburtshilfe bei ihren Tieren über mehr Erfahrung verfügten als die Humanmediziner.

Anfang des 15. Jahrhunderts wurde den Frauen in England schließlich verboten, als Ärztin tätig zu sein.

Die Zustände verschlimmerten sich weiterhin. 18. Jahrhundert, England: Lehrkrankenhäuser für Mediziner wurden gegründet. Nach dem Sezieren mit Bakterien an den Händen gingen die Studenten in den Kreißsaal. Die Frauen verstarben reihenweise am Kindbettfieber bis man die Ärzte anwies, sich vor dem Untersuchen lebender Patienten die Hände mit Chlorkalk zu reinigen.
Arme Familien verschuldeten sich, um eine Hebamme in Anspruch nehmen zu können. Denn arme und/oder unverheiratete Frauen und Prostituierte mussten im Lehrkrankenhaus oder wahlweise direkt im Gefängnis entbinden.
Die Statistik eines solchen Lehrkrankenhauses war dramatisch: Bei 61 Geburten waren 43 tote Babys und 22 tote Mütter zu verzeichnen.