Medizin in Europa

Die Heilberufe im Paris des XIII. Jhdts unterschieden sich in mehrere Kategorien.

So gab es zum einen die Medici oder physiciens.
Sie hatten ursprünglich einen klerikalen Hintergrund. Da jedoch diese Ärzte sich mehr und mehr ihrer lukrativen Tätigkeit widmeten und weniger ihren theologischen Studien, ergingen drei verschiedene Erlässe gemäß der Aussage “Ecclisa abhorret a sanguine” (1130 beim Konzil von Clermont, 1163 Konzil beim Konzil von Tours, 1215 beim Laterankonzil), die es den Mönchsärzten unmöglich machte, in Berührung mit Blut zu kommen und damit, zu praktizieren.
Die diagnostischen Möglichkeiten der Medici blieben das Gespräch, die Pulsuntersuchung (man unterschied bis zu 33 Pulsqualitäten) und die Harnbeschau. Ein Medicus legte zur Therapie Maßnahmen der Lebensführung und eine Diät fest. Er verschrieb Medikamente.
Ursprünglich trugen die Mediziner lange, dunkle Roben, wie der Klerus insgesamt. Paracelsus im 15. Jhdt. hingegen beschwert sich über die Prunksucht der Ärzte, die ihr vermeintliches Können und damit Einkommen durch Kleidung zu belegen suchten. Die Ärzte dieser Zeit hatten, was Kleidung (Schmuck, Farbigkeit, Pelze) und Steuerfreiheit betraf, die gleichen Rechte wie die Adeligen.
Es galt daher nicht nur, die Jahre des teuren Studiums zu rentabilisieren, sondern auch einen gewissen sozialen Status nach außen zu tragen. Nicht umsonst hielt sich der antike Spruch “Kassiere, solange es schmerzt“ („Exige dum dolor est“).

Studienordnungen wurden erstmalig in Salerno (1180), und dann von Friedrich II. (1240) festgelegt. In Salerno waren auch Frauen zum Studium zugelassen, da Plato und Mazza festgehalten haben, dass Frauen für die Medizin genauso gut geeignet seien wie Männer. Das Studium bestand aus 3 Jahren allgemeine Theorie (Logik, Rhetorik,…), 5 Jahren Medizin (antike Schriften), darüber hinaus 5 Jahren Chirurgie und einem praktischen Jahr. Einige Frauen ließen sich auch privat zur Medizinerin ausbilden.
In Deutschland hingegen gab es ab 1281 besoldete Stadtärzte, ein Lehrberuf, denn die erste medizinische Fakultät im Bereich des heutigen Deutschland wurde erst 1386 in Heidelberg gegründet.
1268 wurde in Paris vom ersten Chirurgen Ludwig des Heiligen das Chirurgenkolleg St. Côme et St. Damien gegründet. Dies führte in der Folgezeit dazu, dass das Studium der Chirurgie sehr schnell ein universitäres Studium wurde. Jener Ludwig wurde übrigens auf seinen Kreuzzügen von einer Chirurgin namens Herent begleitet.

Im Gegensatz zu diesen Chirurgen standen die Barbier-Chirurgen mit kurzen Roben. Diese waren unstudiert, waren die Handlanger der Medici, ließen zur Ader, schröpften, skarifizierten, setzten Blutegel, richteten Brüche, kurz, erledigten all die handwerkliche Arbeit, die im medizinischen Bereich anfiel.
Zur Ader ließ man Männer monatlich und in Abhängigkeit von den Tierkreiszeichen, bei den Frauen wurde dies im Normalfall über die Monatsblutung erledigt. Man hoffte, sich so der schädlichen Säfte zu entledigen. Eine weitere “Heilbehandlung” bestand im Brennen mit heißen Eisen.
Barbier war ein Lehrberuf mit 4 jähriger Lehrzeit. 1292 gab es in Paris laut Steuerrolle 151 Barbier-Chirurgen.

Die Apotheker fertigten nach Angaben der Ärzte Medikamente.
Gewürze wie z.B. Pfeffer galten als Medikament. Dies erklärt sich aus der Vier-Säftelehre, die jedem Nahrungsmittel eine Qualität (Heiß oder kalt, trocken oder feucht) gemäß der Humoralpathologie (nach Galen) zuwies:
Mittels der geeigneten Lebensmittel konnte man also behandeln. Gurke beispielsweise galt als kalt und feucht und wurde daher als ungeeignetes Lebensmittel für die entspechende Witterung angesehen. Man unterschied vier Grade, von kaum wahrnehmbar bis unerträglich. Während die geringen Grade überall zu haben waren, wurden die hohen Grade (z.B. Pfeffer) zumindest teilweise in der Apotheke verkauft.

Ferner existierten die unstudierten Ärzte und Ärztinnen, die Illiterata, wobei letztere auch Physiciennes genannt wurden. Oder Harnbeschauer/innen, da sie nach Art der Medici die Harnbeschau durchführten. Oder, sehr unschön, Ydiota. (für „unbelesen“). Sie kamen häufig aus Medizinerfamilien.
In Paris waren die Physiciennes an dunkelgrauen/schwarzen Kleidern und roten Gürteln zu erkennen. In der Pariser Steuerrolle waren im Jahr 1292 aufgeführt: 2 Barbierchirurginnen, 2 Hebammen und 8 Harnbeschauerinnen (und 30 Harnbeschauer).

Medikamente konnten pflanzlicher, tierischer oder mineralogischer Herkunft sein. Im christlich geprägten Mittelalter musste jedes Ding einen von Gott gewollten Nutzen haben. Konnte man es nicht essen oder anderweitig verwenden, so glaubte man, es müsse Medizin sein. Daher kommt die häufige Verwendung von Schweiß, Kot u. ähnlichen Rohmaterialien in der mittelalterlichen Medizin.
Übrigens, die mittelalterliche Medizin war theoretisch, nicht wie die unsere heutige empirisch, d.h. auf Statistiken beruhend. Forschen galt im europäischen Raum als unschicklich. Man musste seine Behandlungen aus den antiken Schriften herleiten. Die Dissektion war bis 1480 verboten, Friedrich II erlaubte 1240 per Edikt lediglich die Sektion eines Kadavers pro Jahr. Dies hatte in erster Linie einen religiösen Hintergrund; es herrschte die Vorstellung vor, dass man am jüngsten Tag im Fleische auferstand und dementsprechend war die Sektion eines Verbrechers eine Strafe über den Tod hinaus.

Wer kein Geld hatte, musste ohne ärztliche Versorgung auskommen.
Für ärmere Leute gab es die Steinschneider, Zahnbrecher und Starstecher. Diese kannten nur eine Art der Behandlung und reisten von Ort zu Ort. Natürlich wurden auch Astrologen und Alchemisten konsultiert, sowie die reichlich vorhandenen Scharlatane.

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Älteste bekannte Harnglasscheibe mit 20 Farbnuancen aus dem „Fasciculus medicinae“ von Johannes Ketham; die unterschiedlichen Farben des Harns sollen auf verschiedene Krankheiten hinweisen (um 1400)

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Rekonstruktion einer Matula (Glas zur Harnbeschau)