Die Infantia

Die Infantia – abgeleitet vom lateinischen „nicht sprechend“ – bezeichnet die Zeit der kleinsten Kindheit. Durchschnittlich wurden Kinder im Mittelalter zwei Jahre lang gestillt. Die meisten medizinischen und didaktischen Werke empfahlen danach eine Entwöhnung von der Mutterbrust, da dann auch die Milchzähne gewachsen seien, die den Kindern ermöglichen, alles essen zu können(3). (N.B.: „Ebenso hielt man es für ratsam, dass die Amme sich während der Stillzeit jeglichen Geschlechtsverkehrs enthielt. Eine Empfängnis während dieser Zeit galt als höchst gefährlich für das zu stillende Kind, da bei einer Schwangerschaft das „gute“ Blut der Frau Nahrung für den Fötus sei und nur das „schlechte“ für die Milchproduktion übrigbliebe.“ Also nichts von wegen „Stillen gleich Schutz vor Schwangerschaft“ – und das war schon im Mittelalter bekannt! (2). Aus dem Spätmittelalter existiert eine Holzskulptur, die ein Kleinkind zeigt, dass mit Hilfe eines Hornes (Kuhhorn oder Ton) gefüttert wurde, wie es nötig war, falls die Mutter keine Milch hatte und keine Amme genommen werden konnte. Die verwendete Milch war von Schaf oder Ziege, da bekannt war, dass die Zusammensetzung der Kuhmilch für sehr kleine Kinder ungeeignet ist(7). Kleinkinder wurden auch mit in Milch getunkten Brotkrümeln und/oder Vorgekautem gefüttert, was ihnen aufgrund der darin enthaltenen Enzyme die Verdauung erleichterte(7). Es gab speziell für Kleinkinder Fläschchen aus Ton oder Zinn, kleine Breischalen und kleine Löffel.
Das Wickeln wurde im Mittelalter besonders kultiviert, es sollte verhindern, dass sich die Gliedmassen des Kindes verformten (Bartholomaeus Anglicus in seinem Werk „De rerum proprietatibus – Über die Natur der Dinge “ um 1250 in Buch 6, Kapitel 4) und die Kinder beruhigen, obwohl es auch einfache und bequeme Kinderkleidung gab. Ein weiterer wichtiger Faktor war, dass so die Kleinkinder auch daran gehindert werden konnten, sich eigenständig und unbeaufsichtigt zu bewegen, damit sie sich nicht selbst verletzen konnten(6).
Kinder, die dem Säuglingsalter entwachsen waren, sind häufig in losen Hemdchen und großzügig geschnittene Mäntelchen oder Umhänge, die die Bewegungsfreiheit des Kindes nicht einschränkte, dargestellt. Bei der Betrachtung von Kinderportraits fällt ein weiteres interessantes Detail auf. Auch Knaben trugen teilweise Mädchenkleider, oder richtiger, die Kleidung galt als nicht geschlechtsspezifisch(1). Der wichtigste Grund für diese Sitte war wohl der, dass die Kinder durchschnittlich bis zum Alter von drei bis vier Jahren Darm und Blase nicht zu kontrollieren gelernt hatten (und auch niemand sie dazu zwang, n.b.) und die hygienischen Bedingungen das Sauberwerden erschwerten. Die weiten Kinderröckchen waren also weniger empfindlich als Hosen. Darunter waren die Kinder nackt.