Das Alter der Vernunft

Laut Avicenne(1) sollten Kinder ab sechs Jahren eingeschult und in die Gesellschaft eingeführt werden. Ab sieben Jahren waren alle Kinder ab Mitte des XIII. Jahrhunderts verpflichtet, an der Messe teilzunehmen und die wichtigsten Gebete zu lernen (das „Vaterunser“ und „Ave Maria“, und zwar auf Latein). Es wurde vom Kind erwartete, dass es materielle Notwendigkeiten begriff und Gut und Böse zu unterscheiden vermochte, und auch bestraft werden konnte. Es wurde befürwortet, den Übergang langsam vonstatten gehen zu lassen und, dass sich die Eltern als tolerant erwiesen, da die Kinder natürlich nicht von einen auf den anderen Tag verständig wurden. Bartholomaeus Anglicus sagte, dass man Kinder unter sieben Jahren überhaupt nicht schlagen solle, weil sie nicht verstünden, warum, und ihnen die Bestrafung unverständlich bleiben würde, auch wenn Orme(8) zu einer anderen Ansicht gelangte.

Durch die Übergabe an Schule und Lehrer trat das Kind in das Stadium der Erziehung außerhalb der Familie ein. Mädchen blieben aber durchaus zuhause, um sich auf ihre Pflichten als künftige Haus- und Ehefrau vorzubereiten. Schmid sagt, dass der weitaus größere Teil der mittelalterlichen kindlichen Gesellschaft auf dem Land wie in der Stadt mit sieben Jahren, zum Teil auch schon früher, ins Arbeitsleben wechselte. Das Kind galt nun als soweit entwickelt, um sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Weiter hielten sich auch die Findel- und Waisenhäuser lange Zeit an diesen Richtwert, uneheliche oder ausgesetzte Kinder wurden dort bis zum vollendeten siebten Jahr unentgeltlich erzogen und anschließend ins Leben entlassen.
Der königliche Pädagoge Gilles de Rome(1) forderte, dass Kinder im Alter von sieben bis 13 Jahren keine schwere Arbeit leisten sollten, noch Aufgaben im Sinne des Rittertums, damit ihr Wachstum nicht behindert werde. Dies sah sicherlich in den weniger behüteten sozialen Schichten anders aus, doch hiervon gibt es wenige Aufzeichnungen. Jean de Brie, der Hirte des Königs wurde, war einer dieser wenigen und berichtete in seiner Autobiographie, dass er im Alter von acht Jahren anfing, die Herden zu hüten, wenn andere Kinder nichts als Flausen im Kopf hätten. Seine Haltung lässt jedoch vermuten, dass er von sich selbst annahm, in besonders zartem Alter zum Arbeiten veranlasst worden zu sein, früher, als seine Zeitgenossen. Zunächst handelte es sich jedoch lediglich um Gänse, die er hütete, später um Schweine, bereits ein wenig gefährlicher.